Porträt von Cecilia Masekereya, Projektleiterin bei Shingiriai Trust (von Max Lebsanft):

An der Wand ihres Büros hängt ein Computerausdruck mit den Maximen ihrer Arbeit:  „You must try to built something larger then yourself: a community of citizen, a community of reason, a just and peaceful life.“ Für Cecilia Masekereya sind diese Sätze mehr als abstrakte Prinzipien. Täglich erfährt sie, was Gerechtigkeit, Vernunft, Friede und deren Gegenbegriffe bedeuten – denn Tag für Tag muss sie für die Verwirklichung dieser Werte kämpfen.

Die 45-Jährige ist die Leiterin der Hilfsorganisation „Shingirirai Trust“. 2003 hat sie die Organisation mit einigen Freunden im Township Mabvuku am Rande Harares gegründet. Anfangs bestand das Projekt aus nur einem „Center“: ein Kindergarten für Kinder, deren Eltern an Aids und den Folgen der Krankheit gestorben waren. Mittlerweile ist die Zahl der Tagesstätten auf sechs Einrichtungen gewachsen. Jeweils zwei Betreuerinnen und eine Köchin kümmern sich um insgesamt 240 Kinder. Neben Mabvuku ist Shingirirai in den angrenzenden Vierteln Tafara und Caledonia aktiv. Längst ist die Organisation zu einem wichtigen Bestandteil im sozialen Gefüge der Townships geworden,  ohne die viele Kinder hungern müssten und – isoliert in den Großfamilien ihrer Tanten und Onkel – keine Ausbildung und Zuwendung bekämen. „We can empower ourselfes“, sagt Masekereya selbstbewusst. Sie hat sich ihre Zuversicht hart erarbeitet und immer wieder gegen Rückschläge verteidigt. Gerade deshalb glaubt man ihr.

Masekereya wurde in Sambia geboren. Mit zwei Jahren zog sie mit ihrer Familie nach Zimbabwe. Ihr Vater arbeitete als Techniker und engagierte sich in der Politik. 1983 starb er. „Er war einer von Mugabes Opfern“, sagt Masekereya, damals eine 19-jährige Frau, die im Begriff stand, sich ihr eigenes Leben aufzubauen. Auch wenn es schwer fiel, ließ sie sich durch den Tod des Vaters von ihren persönlichen Zielen nicht abbringen: 1984 heiratete sie, zog fort aus Mabvuku und bekam in den Folgejahren drei Kinder.

Ende der 90er brach die HIV-Pandemie über die Familie herein: Drei der fünf Geschwister starben. Masekereya, die mittlerweile wieder in Harare lebte, brachte sich und ihre Familie mit „Cross-border-trading“ durch. Die Wirtschaft Zimbabwes lag am Boden. Es gab keine Jobs, die Arbeitslosigkeit stieg bis auf 90 Prozent der Gesamtbevölkerung. Wie viele andere Frauen erwarb Masekereya an der Grenze nach Südafrika Lebensmittel und Textilwaren, die sie dann in der Hauptstadt weiter verkaufte. Der einzige Weg, um noch an Geld zu kommen. Ein täglicher Überlebenskampf, der gerade für Frauen große Gefahren barg: Besonders während der ökonomischen Krisen sei es oft vorgekommen, dass Frauen sich für etwas zu Essen prostituierten, sagt Masekereya.

Das Land und sein politisches System zerbrachen in diesen Jahren. Die Familie der Masekereyas aber hielt zusammen: Gemeinsam mit den zwei noch lebenden Schwestern zog Cecilia Masekereya elf Kinder groß – die eigenen und die, die ihre verstorbenen Geschwister hinterlassen hatten. Und weil für sie die Familie nicht an der eigenen Haustür endete, sondern nahtlos in die „Communitiy“, die Gemeinschaft der Nachbarn, des Viertels und des Townships überging, begann sie, sich zusätzlich für Aids-Waisen aus der Nachbarschaft einzusetzen. „Es ist sehr schlimm, zwölfjährige Mädchen zu sehen, die auf ihre jüngeren Brüder und Schwestern aufpassen müssen“, erinnert sich Masekereya. Sie ertrug das zum Himmel schreiende Leid nicht, sie hatte Mitleid.

Die treibende Kraft ihrer Arbeit sei das Mitleid mit den Verwundbaren, sagt Masekereya heute. Sie habe Shingirirai gegründet, um den Frauen mehr Gestaltungsmacht zu geben und ein soziales Netz zu schaffen, das Kinder auffängt, deren Eltern ihren Job verlieren und plötzlich mit nichts als dem nackten Leben dastehen. Ihr Einsatz hatte, wenn auch nur langsam, Erfolg: 2005 stieg der erste ausländische Sponsor bei Shingirirai ein. 2007 kam dann ZimRelief dazu. Dank deren Hilfe konnte die Organisation 2010 endlich ihr eigenes Haus mitten in Mabvuku beziehen.

Dennoch muss Shingirirai bangen, dass auch weiterhin das Geld reicht, um die Kindergärten und das Gehalt der Betreuerinnen zu finanzieren. Oft bleibt für Masekereya und das drei Frauen starke Team, das sich um die Verwaltung der Organisation kümmert, am Ende des Monats kein Lohn. Regelmäßig treffen sich mehrere Frauen, um Tücher zu bedrucken und Schmuck aus Zeitungspapier und Kleister herzustellen. Shingirirai wünscht sich nichts mehr, als ganz auf eigenen Beinen zu stehen.

Der Computerausdruck in Masekereyas Büro endet mit den Sätzen: „You may be defeated because violence, arrogance and unreason are powerful forces in history. But that does not diminish your responsibility.“ Sieben Jahre hat sich das Team von Shingirirai von den gewalttätigen Kräften der Geschichte nicht lähmen lassen. Ihr großer Traum sei es, Frauen aus anderen Stadtteilen zu bemächtigen, ihre eigenen Projekte zu gründen, sagt Masekereya. Dann lacht sie und sagt verschwörerisch: „We want to grow.“ Unbeirrt geht ihr Blick in eine bessere Zukunft.